Das Haus auf der Brache

Ein Text von Christine Karin Dorner

Auf der Brache stand ein Haus, so sagt man. Aber wie hat dieses Haus ausgesehen? Wer hat darin gewohnt? – um das zu erfahren müsste man es befragen können – also begaben wir uns auf eine Zeitreise, und hörten uns an, was Hauswände so alles erzählen können.

Das Haus erfuhr mehrere Umbauten, aber in der uns als älteste Baustufe bekannten Situation beherbergte es eine Schusterwerkstatt und die Arbeitsräume der wohl legendären Schneidermeisterin Frau Onderka. Damals lebte in dem Haus im ersten Stock ein alter Mann in einer großen Wohnung mit offenbar exquisitem Mobiliar. Auf demselben Stockwerk konnten wir auch eine, für die damalige Zeit, in Erziehungsfragen recht fortschrittliche Familie kennenlernen, da auch die Mädchen das Gymnasium besuchten. Im zweiten Stock gab es eine kleine Wohnung mit Wasser und Toilette am Gang – damals ziemlich normal, was aber der Eitelkeit eines Bewohners keinen Abbruch tat. Der Dachboden stellte eine Art stilles Paradies für den konspirativen Austausch von Wänden, Decke, Boden, Dachstuhlgebälk – also der einzelnen Bauteile dieses Hauses – dar.

Später erfolgte ein Umbau – der Beschreibung nach muss es um 1900 gewesen sein. Aus einem zweistöckigen Haus mit Erdgeschoss wurde ein richtig großes Haus, in dem sich die Stockwerke ineinander geschoben haben müssen, denn es gab dann, neben dem Erdgeschoss, ein Hochparterre, ein Mezzanin, den ersten Stock und den zweiten Stock. Die praktischen kleinen Wohnungen – teilweise mit Wasser und Toilette innen, beherbergten eine Frau Müller mit Tochter im Hochparterre, im Mezzanin dürfte eine exzellente Köchin gewohnt haben – man berichtete von köstlich duftendem Apfelstrudel. Der erste Stock wurde von einer Schaustellerfamilie bewohnt, die auch die Proben in den eigenen vier Wänden abhielt, denn die Wände im zweiten Stock haben ob des Lärms gewackelt oder sollten wir befürchten, dass schlecht gebaut worden war? Im Erdgeschoss gab es mit der Greisslerei Navratil eine Möglichkeit alles zu besorgen, was man so brauchte und natürlich auch den täglichen Informationsaustausch – man bedenke: mangels TV und Handy mussten die Menschen noch aktiv mit anderen Menschen reden, um zu erfahren wer grad mit wem wo? was? wann? gesehen, getan, geheiratet usw. hatte.

Dann folgte ein weiterer Umbau, der aber nicht besonders gut geglückt sein dürfte, denn nach einer heftigen Auseinandersetzung, wahrscheinlich zwischen den Hausbewohnern mit dem Vermieter und Hausbesitzer, zogen der Reihe nach alle Mieter aus, d.h. bis auf Frau Else, der vermutlich ersten Hausbesetzerin. Sie blieb noch bis schon Türen, Fenster, Toiletten und Badezimmer auf der Straße landeten. Dann verschwand sie, ohne ihre Wohnung zu räumen, nur mit einem Rucksack auf den Schultern. Der Rest dieses einst prächtigen Hauses ist eine Mauer, auf der noch ein höchst moderner Lichtschalter zu sehen ist – in diesem Bereich war übrigens eine Radlwerkstatt.

Vor dem Bau hässlicher Häuser sei also gewarnt – wie es schon Christian Morgenstern in seinem Gedicht der Lattenzaun beschrieben hat:

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da –
und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm
mit Latten ohne was herum,
ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri – od – Ameriko.

Christian Morgenstern 1841 – 1914
Der Lattenzaun